Studie offenbart bislang unterschätzte Vielfalt der Kultur wilder Schimpansen

Eine Langzeitstudie zeigt, dass Schimpansenkultur viele alltägliche, für das Überleben wichtige Verhaltensweisen umfasst

21. Mai 2026

Auf den Punkt gebracht:

  • Kultur ist nicht nur dem Menschen vorbehalten: Forschungen des letzten Jahrhunderts haben gezeigt, dass viele Tierarten kulturelles Wissen weitergeben können
  • Das wahre Ausmaß tiersicher Kulturen blieb unerforscht: Wie umfangreich kulturelle Repertoires sind und wie wichtig kulturelles Lernen für das tägliche Leben der Tiere ist, war weitgehend unklar.
  • Neue Einblicke in das wahre Ausmaß der Kultur wilder Schimpansen: Durch die direkte Untersuchung sozialen Lernens zeigt eine neue Studie, dass die Kultur von Schimpansen weit über das bisher anerkannte Maß hinausreicht

Wissenschaftlerinnen identifizierten zahlreiche, bislang übersehene kulturelle Verhaltensweisen wildlebender Schimpansen, was darauf hindeutet, dass die Kultur der Menschenaffen weit mehr umfasst als komplexe Fähigkeiten wie Werkzeuggebrauch. In einer einzigen Schimpansengemeinschaft erfassten die Forschenden etwa 70 Verhaltensweisen, die die Tiere scheinbar voneinander lernen, womit sie die bisherigen Schätzungen zur Kultur afrikanischer Schimpansenpopulationen nahezu verdoppelten.

Über mehrere Jahre beobachteten Forschende wildlebende Schimpansen im Regenwald Ugandas, um das Spektrum der Fähigkeiten zu dokumentieren, die Schimpansen erlenen, indem sie Artgenossen beobachten. Sie fanden heraus, dass Schimpansen eine breite Palette alltäglicher Fähigkeiten kulturell lernen, darunter Nahrungssuche, Fellpflege, Spielverhalten und Wundversorgung, von denen viele für das Überleben entscheidend sind.

„Tierische Kultur muss nicht selten oder komplex sein. Sie kann ganz grundlegende Fähigkeiten umfassen, auf die Tiere jeden Tag zurückgreifen, wie das Finden und Verarbeiten von Nahrung“, erklärt Nora Slania vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie.

Schimpansen besitzen die größte bekannte Kultur im Tierreich. Historisch konzentrierte sich die Forschung zur Schimpansenkultur auf auffällige Verhaltensweisen wie das Termitenangeln mit Stöcken, das erstmals von Jane Goodall im Gombe-Nationalpark beschrieben wurde. Diese Verhaltensweisen galten als klare Beispiele für Kultur, da weder genetische noch Umweltfaktoren erklären konnten, warum sie in einigen Schimpansengemeinschaften vorkommen, in anderen jedoch nicht. „Der Ausschluss genetischer und umweltbedingter Ursachen für Verhaltensunterschiede war ein wichtiger erster methodischer Schritt, um soziale Weitergabe und damit die Existenz von Kultur im Tierreich nachzuweisen“, ergänzt Slania.

Mit diesem Ansatz hatten frühere Studien 39 Verhaltensweisen bei Schimpansen als kulturell identifiziert. Die neue Studie deutet jedoch darauf hin, dass diese Zahl die tatsächliche kulturelle Vielfalt von Schimpansen deutlich unterschätzt haben könnte. Die Forschenden schlagen vor Lernverhalten, mit dem sich Tiere kulturelles Wissen aneignen, direkt zu erforschen – unabhängig von genetischen und umweltbedingten Einflüssen.

„Für uns Menschen ist Kultur allgegenwärtig. Sie zeigt sich etwa in der Art und Weise, wie wir sprechen, uns kleiden oder essen. Dabei müssen Verhaltensweisen weder besonders auffällig noch unabhängig von Umweltfaktoren sein, damit wir sie als kulturell ansehen“, sagt Dr. Caroline Schuppli, Letztautorin der Studie. „Tierische Kultur wurde lange Zeit strenger beurteilt. Nimmt man eine umfassendere Sicht auf Kultur ein – und legt Maßstäbe an, die eher mit denen beim Menschen vergleichbar sind –, könnte zukünftige Forschung zeigen, dass viele Tiere über deutlich weitreichendere Kulturen verfügen als bislang angenommen.“

Das internationale Forschungsteam konzentrierte sich auf sogenanntes „Peering“, bei dem ein Tier das Verhalten eines Artgenossen aufmerksam und aus nächster Nähe beobachtet. Besonders bei Orang-Utans und Kapuzineraffen ist Peering als Form des Lernens gut untersucht. Bei Schimpansen wurde bereits gezeigt, dass Peering das Erlernen komplexe Fähigkeiten wie Werkzeuggebrauch unterstützt. Das volle Ausmaß kulturellen Lernens bei Schimpansen wurde mithilfe von Peering bislang nicht untersucht.

Über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren beobachtete das Forschungsteam 28 wildlebende Schimpansen unterschiedlichen Alters – von Jungtieren bis hin zu den ältesten Tieren der Gemeinschaft – an der Budongo Conservation Field Station in Uganda. Vom frühen Morgen bis in den späten Nachmittag dokumentierten die Forschenden den Alltag der Menschenaffen. Sie erfassten sowohl das Lernverhalten der im Fokus stehenden Schimpansen, als auch das Verhalten anderer Tiere im Umkreis von fünf Metern. Dadurch konnten sie nachvollziehen, was und wen die Schimpansen besonders aufmerksam beobachteten.

Das Team sammelte über 1.000 Beobachtungsstunden und dokumentierte dabei 366 Peering-Ereignisse. Auch wenn nicht direkt getestet werden konnte, ob Peering direkt zu Lernen führt, deuten mehrere Muster stark darauf hin, dass es eine zentrale Rolle beim Wissenserwerb spielt. Fast ausschließlich Jungtiere, die ihre Fähigkeiten noch erlernen müssen, zeigten Peering. Dabei beobachteten junge Schimpansen insbesodnere lernintensive Verhaltensweisen, wie seltene und komplexe Fähigkeiten, und ausschließlich erfahrene Tiere – häufig ihre Mütter, aber auch, wann immer möglich, andere Artgenossen.

Bei der Analyse der Verhaltensweisen, auf die sich das Peering richtete, identifizierten die Forschenden 69 verschiedene Handlungen. Nur zwei davon – die Verwendung von Blättern zur Wundversorgung sowie zur Untersuchung von Parasiten – waren in früheren Studien bereits als kulturell anerkannt worden. Während einige der Verhaltensweisen selten waren, handelte es sich bei den meisten Beobachtungen um alltägliche Aktivitäten wie Fellpflege, Spiel, Gesten und Fressen. Auffällig war, dass der Großteil der Verhaltensweisen – rund 60 % – mit Nahrungsaufnahme in Verbindung stand – also dem Erkennen, Verarbeiten und Verzehr
verschiedener Nahrungsquellen, wie Früchten, Blättern, oder Wurzeln.

„Dass ein so großer Teil der Ernährung von Schimpansen sozial erlernt wird, zeigt deutlich, wie wichtig soziales Lernen für ihre Entwicklung ist“, sagt Schuppli, Forschungsgruppenleiterin am MPI-AB. „Einige Fähigkeiten mögen einfach und schnell zu erlernen sein. Um sich aber das kulturelle Repertoire in seiner Gesamtheit anzueignen, benötigen junge Schimpansen viele Jahre“, fügt sie hinzu.

Die Autorinnen und Autoren der Studie betonen, dass das Erkennen weitreichender kultureller Elemente nicht nur wichtig ist, um kognitive Fähigkeiten von Tieren und ihre Ähnlichkeit zu uns Menschen besser zu verstehen, sondern auch, um Bemühungen zum Artenschutz zu unterstützen. In der Zukunft erhoffen sich die forschenden diese Herangehensweise auf weitere Affenpopulationen auszuweiten.

„Verhalten ermöglicht es Tieren, flexibel auf ihre Umwelt zu reagieren, und kulturelle Weitergabe bietet eine schnelle Möglichkeit, neue Verhaltensweisen zu erlernen. Ein umfassendes Verständnis kultureller Lernprozesse wird letztlich dazu beitragen, die vielfältigen Anpassungsstrategien dieser Tiere an sich verändernde Umweltbedingungen zu schützen“, fügt Slania hinzu.

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